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Predigt am 03. April 2011 über
Johannes 6, 55 - 65
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Ich
lese Worte aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums. Dort spricht
Jesus von sich:
55
Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre
Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in
mir und ich in ihm. 57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und
ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um
meinetwillen. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es
ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben
sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. 59 Das sagte
er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. 60 Viele nun seiner
Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer
kann sie hören? 61 Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine
Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das? 62
Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo
er zuvor war? 63 Der Geist ist's, der lebendig macht; das Fleisch
ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind
Geist und sind Leben. 64 Aber es gibt einige unter euch, die glauben
nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht
glaubten, und wer ihn verraten würde. 65 Und er sprach: Darum habe
ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom
Vater gegeben.
Liebe
Gemeinde!
‚Denn mein Fleisch ist die
wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch
isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.’ Das sind auf den ersten
Blick ganz schön harte Worte, die Jesus hier, im 6. Kapitel des
Johannesevangeliums ausspricht. Das Ganze klingt schon fast
kannibalistisch. Im griechischen Urtext stehen da auch Wörter wie
‚essen, fressen, zerkauen’. Das Ganze klingt schon sehr
fleischlich, ja ist fleischlich. Jesus redet hier schließlich von
sich selbst, von seinem eigenen Fleisch und seinem eigenen Blut.
Verständlich, dass das die Jünger verärgert und später sich
viele von ihm sogar abwenden. Man denke nur daran, dass es schon
generell bei den Juden verboten war, Blut zu sich zu nehmen. Ein
blutiges Steak oder Blutwurst von Tieren gab’s da nicht. Und jetzt
noch von einem Menschen? Das war ausgeschlossen. Ja, das war unerträglich,
so etwas überhaupt nur zu hören.
Aber genau das behauptet hier Jesus
steif und fest. Überhaupt wird das im Johannesevangelium stark
betont. Man sieht oft dieses Evangelium sehr vergeistigt. Das ist überhaupt
nicht der Fall. ‚Das Wort ward Fleisch’ - so schreibt es der
Evangelist Johannes direkt am Anfang seines Evangeliums. Das ist
sein Programm und das hören wir auch deutlich in unserem heutigen
Predigttext. Johannes tut das aus gutem Grund. Anscheinend gab es in
den christlichen Gemeinden so genannte ‚Gnostiker’. Das waren
Menschen, die auch an Christus glaubten, aber für die der irdische,
fleischliche Jesus überhaupt keine Bedeutung hatte. Ja, den
verleugnete man komplett. Da hatte man also einen rein vergeistigten
Glauben, der in Christus eine göttliche Lichtgestalt sah und mehr
nicht. Genau dagegen wehrt sich Johannes und betont deutlich, dass
Jesus ganz real und fleischlich auf die Erde gekommen ist, dass er
gelebt hat wie jeder andere Mensch auch. Der Glaube wird hier also
geerdet! Oder um an den Welcome-Gottesdienst vom letzten Sonntag zu
erinnern: Jesus Christus kommt in die Tiefen unseres menschlichen
Lebens. Er lässt sich auf unser Leben ein - und das nicht nur ein
bisschen, sondern voll und ganz, mit allen Höhen und Tiefen, die
dabei sind!
Genau dafür steht auch das
Abendmahl, das wir heute in diesem Gottesdienst feiern, und das m.E.
Jesus auch hier anspricht. Manche meinen, dass Johannes das
Abendmahl nicht kennt, weil er keinen typischen Abendmahlsbericht
wie in den anderen Evangelien enthält. Aber wer den Predigttext und
überhaupt das ganze 6. Kapitel des Johannesevangeliums liest, der
wird m.E. nicht drum rum kommen, zu merken: Es geht hier um das
Abendmahl!
Soweit habe ich das jetzt erstmal
theologisch klar gestellt. Vielleicht war das schon zu theologisch,
aber es ist ja auch wichtig, so ein bisschen Hintergrundwissen zu
haben, warum und wieso das derjenige so oder so schreibt. Das dient
zum besseren Verständnis.
Jetzt möchte ich von der hohen
Theologie aber wieder ein bisschen runter kommen.
Ich habe mich gefragt: Was
empfinden die Leute beim Abendmahl? Da höre ich nicht selten: Das
ist eine traurige, schwere Sache - gerade in der Passionszeit, wo es
auf Karfreitag zugeht. Die Menschen stehen mit ernsten Mienen um den
Altar, sagen kein Wort und geben sich manchmal auch nicht die Hand.
So wird es zugegeben oft in unseren Kirchen gefeiert. Das Ganze ist
nicht sehr beziehungsvoll. Es wirkt manchmal sehr stark traditionell
und manch einer weiß damit nicht mehr viel mit anzufangen. Dabei
ist die altkirchliche Tradition - soweit ich es weiß - also die
Kirche in den ersten Jahrhunderten gar nicht so gewesen. Da gab man
sich demnach sogar den Friedenskuss. So persönlich und
beziehungsvoll ging es unter den ersten Christen zu! Die haben
wirklich etwas von der Nähe und Liebe Jesu Christi beim Abendmahl
erlebt und das ohne große Hemmungen an ihren Mitbruder und an ihre
Mitschwester weitergegeben.
Ich erzähle Ihnen dazu eine nette
Geschichte, die ich vor Jahren in Bonn in meiner alten Gemeinde
erlebt habe. Da war Weltjugendtag von der katholischen Kirche und
wir hatten bei uns zu Gast eine polnische Jugendgruppe mit Priester.
Da war alles sehr streng und hatte noch Zug. Ein Mitarbeiter
nuschelte mir während einer gemeinsamen Andacht zu: So fromm sind
wir aber nicht. Darauf will ich aber jetzt gar nicht hinaus. Am Ende
der Andacht gab man sich im Namen Jesu Christi einen Friedenskuss.
Gerade die älteren Damen aus Polen rannten auf mich, den damals
noch jungen und sportlich dynamischen Pfarrer zu und überhäuften
mich mit Küssen auf die Bäckchen links und rechts. Schade fand ich
eigentlich nur, dass die hübschen jungen Mädchen sich da eher zurück
hielten. Soweit zu der gemeinsamen Andacht, wo es sehr fröhlich
zuging.
Auch wenn das Abendmahl darin nicht
vorkam, ich bin überzeugt: So ähnlich ist das Abendmahl eine ganz
fröhliche Sache. Da muss man nicht in gebeugter Haltung nach vorne
kommen und bitter ernst drein schauen. Hallo, da geht’s um
Befreiung von Altlasten! Da macht Gott mit mir einen Neubeginn,
einen Neuanfang. All das, was mich quält und bedrückt, darf ich
hinter mir lassen! Darüber darf ich mich von Herzen freuen!
Freude, das kennen wir bei allem
Schlechten und Schlimmen in der Welt, doch hoffentlich auch. Also
ich kenne das zumindestens. Gerade freue ich mich über den bombigen
Frühlingsanfang und über mein Pfarrhaus, das im Sonnenlicht doch
wesentlich freundlicher wirkt. Ich freu mich über meinen Garten, in
dem manches blüht, auch wenn ich ihn bis jetzt nicht so doll
gepflegt habe. Ich freue mich über gute Gespräche mit Freunden
zuletzt am Freitag oder auch gute Gespräche in der Gemeinde,
zuletzt bei Welcome nach dem Gottesdienst im Gemeindesaal. Heute
habe ich Vorfreude auf heute Nachmittag, den cologne international,
wo wir zum ersten Mal eine Taizeandacht ausprobieren und die
Katholische Nachbargemeinde auch mit dabei ist. Vorfreude bereitet
mir auch ein Interview über das Thema ‚Gebet’, das auf Radio Köln
am Sonntag, den 1. Mai ca. 20.15 Uhr läuft. Den Termin also schon
mal vormerken und ihren Pfarrer auf dem beliebtesten Sender Kölns hören.
Das sind alles Sachen, die mir Freude bereiten.
Und bei Ihnen, liebe Gemeinde? Was
bereitet Ihnen Freude? …
Das sind alles wunderbare Freuden!
Das tut uns so richtig gut! Wir brauchen solche Freude, um wirklich
zu leben!
Aber wie das so leider ist: Solche
Freuden kann ich nicht festhalten. War ich heute noch in einem Hoch,
kann das morgen schon vorbei sein. Unsere Freuden währen nicht
ewig.
Das Tolle, was mir an unserem
Bibeltext auffällt und mich so anspricht, ist: Jesus begnügt sich
nicht mit unseren irdischen Freuden, wie wir sie zum Glück
hoffentlich haben. Er gönnt sie uns sicher von ganzem Herzen. Aber
Jesus will uns viel, vielmehr schenken! Er will uns Freude schenken,
die ewig währt. Er will uns Freude schenken, die nicht abhängig
ist von dem, was wir gerade alles an Gutem oder auch an Schlechtem
in unserem Alltag erleben! Er will uns immer Freude geben, komme,
was mag!
Das Wunderbare dabei ist: Jesus
gibt nicht etwas Freude - so häppchenweise, wohl dosiert, wenn wir
es mal nötig haben. Nein, er gibt sich selbst, mit seiner ganzen
Person! Er, der Freudenmeister - wie es in einem alten klassischen
Choral heißt - schenkt
sich uns selbst! Für uns, für mich tut er das! Darüber können
wir uns wirklich von Herzen freuen!
Ich erzählte dazu ein kleines
Beispiel, das ich gestern erlebt habe: Da habe ich meine beiden
Patenkinder, zwei süße Zwillingsgeschwister hier in der Nähe
besucht. Am Ende der Geburtstagsparty wurden alle Kinder abgeholt.
Dann räumten die Eltern auf und konnten nicht großartig für ihre
Kinder da sein. Ich selbst habe die Zeit genutzt, um meine Geschenke
im Garten in aller Ruhe zu überreichen. Das kam auch gut bei den
Kindern an. Aber mein Eindruck war: Nicht die Geschenke, die ich
machte, waren entscheidend. Das Entscheidende war vielmehr, dass ich
selbst für die Kinder da war und sie mich so hautnah erlebten. Ich
selbst in Person war hier gefragt! Ich konnte durch mich selbst den
Kindern etwas geben, das sie fröhlich machte.
Genau das ist Jesus für uns - und
das nicht nur für so einen stillen Moment in der Abendstunde auf
dem Rasen hinter dem Haus. Nein, da finden wir das, was unseren
Hunger nach Leben satt macht und uns erfüllt. Bei Ihm finden wir
das, was wirklich sich in unserem Leben bewahrheitet und Sinn gibt -
nicht nur hier und jetzt, sondern auch für die Zukunft!
Genauso verstehe ich auch das, was
im Abendmahl passiert! Genauso verstehe ich die Worte die Jesus hier
spricht: ‚Denn
mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre
Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir
und ich in ihm.’
Ich darf wissen: Gott, Jesus Christus selbst ist für mich da. Er
ist ganz handfest bei mir, in mir und ich bin ganz in ihm. So tief
bin ich mit ihm verbunden!
Ich hoffe, dass wir unsere
Abendmahlsfeiern gerade am Gründonnerstag oder in der Osternacht so
erleben. Es geht wirklich darum, dass ich das Abendmahl mit Freuden
genießen kann, es mit Freuden empfange und voll gestärkt nach
Hause gehe.
Jetzt könnte man mir vorwerfen:
Ist das nicht eine Überhöhung von Oblate und Wein, ein übertriebener
Sakramentalismus? Macht der Pfarrer jetzt einen auf katholisch?
Es ist ja interessant, dass im
Verlauf der Kirchengeschichte das Abendmahl eine ganz hohe Bedeutung
gewann. Man redete da von der unsterblichen Medizin. Mir geht es
jetzt sicherlich nicht darum, das Abendmahl magisch zu verstehen.
Das haben die meisten Kirchenväter und Theologen damals auch so
nicht gesehen. Das ist kein Heilsautomatismus so nach dem Motto: Ich
nehme das zu mir und - schwupps! - schon läuft alles optimal im
Leben bis in den Himmel hinein. Nein, das ist wie gesagt etwas Persönliches,
Beziehungsvolles. Ich selbst werde ganz fest und tiefgehend mit
Jesus Christus verbunden. Das, was mein Leben ausmacht und mich erfüllt,
das schenkt Gott mir tatsächlich in seinem Wort und auch im
Abendmahl. Das ist allerdings etwas, worauf ich mich nur einlassen
kann. Das Vertrauen auf Gott ist da gefragt. Es geht hier um den
Glauben auch beim Abendmahl! Ansonsten bleibt das Ganze eine
wirkungslose, äußerliche Sache, die ich zu mir nehme und mehr
nicht. Das Ganze ist dann kein lebendiges Geschehen. Aber im
Vertrauen auf Ihn kann ich das Abendmahl gar nicht oft genug feiern
und zu mir nehmen.
Dazu erzähle ich noch ein kleines
Erlebnis, das ich mal in einem katholischen Kloster erlebt habe. Da
wurde jeden Morgen die Frühmesse mit dem Abendmahl gefeiert.
Anfangs habe ich mich gefragt: Was soll das bloß? Einmal reicht
doch. Erst nachdem ich selbst regelmäßig die Morgenmesse besuchte
und das Abendmahlsgeschehen beobachtete, merkte ich: Irgendwie hat
das was. Die Leute, die danach für ihr leibliches Brot zur Arbeit
gehen und was schaffen, die bekommen hier ihr geistliches Brot für
jeden Tag. Gott selbst schenkt sich da ihnen.
Genau darauf kommt es an, dass wir
in dem Vertrauen das Abendmahl zu uns nehmen, uns einfach darüber
freuen, dass Gott sich selbst uns schenkt und unser Leben in guten
wie in schlechten Zeiten so reich macht und uns erfüllt. So haben
wir es ja auch in dem Lied vor der Predigt gesungen: ‚Das Brot
bist du für den, der Lebenshunger hat. Und wenn er zu dir kommt,
machst du ihn wirklich satt.’ Ich wünsche uns allen, dass wir das
genauso in unserem Leben erfahren und das Abendmahl tatsächlich ein
Freudenmahl für uns ist - nicht nur hier und jetzt, sondern auch für
die Zukunft. Der heutige Sonntag mit dem lateinischen Namen ‚Lätare’
- auf deutsch ‚Freut euch!’- lädt uns dazu ein.
Amen.
Klaus
Eberhard
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