| Liebe Himmelfahrts-Gemeinde!
Der Predigttext für heute steht im Galaterbrief des Apostels Paulus,
Kap. 5, Verse 1+13.
Es geht dabei um ein großes Wort: "Freiheit".
"Paulus schreibt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So
steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft
auflegen!
Ihr, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass
ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die
Liebe diene einer dem anderen."
Paulus schreibt hier an Menschen in Kleinasien, also in der heutigen
Türkei. Paulus hatte ihnen bei seinem Besuch die Freude des Glaubens
gebracht. Die Galater, gerade Christen geworden, fühlten sich frei,
entlastet, von Gott geliebt und von Hoffnung getragen - ein Kennzeichen
des lebendigen Christseins.
Offenbar drohte ihnen nach kurzer Zeit diese Freiheit wieder zu entgleiten:
Daher mahnt der Apostel, das Geschenk der Freiheit nicht zu verlieren.
Damit ist das Schlüsselwort genannt: "Freiheit".
"Freiheit" - ein großes Wort.
Ein großes Wort damals in der Reformation. Luther schrieb von
der "Freiheit eines Christenmenschen" gegenüber der Enge
und Ängstlichkeit des Mittelalters. "Freiheit" - das
Wort wird heute auch gerne beim Vergleich von evangelischer und katholischer
Kirche genannt. Manche meinen damit, dass es in der evangelischen Kirche
liberaler zugeht als in der römischen Kirche. Das ist einfach
festzustellen. Vielen fällt dann auch nicht viel mehr dazu
ein, was denn "evangelisch" an ihrem Glauben sei.
Ist das die Freiheit, die Paulus meint: Bei uns geht es "liberal"
zu?
Wird es dann nicht sehr schnell beliebig, wofür wir leben?
Was ist für uns wichtig zum Glauben und zum Leben?
Ein bisschen genauer müssten wir es wohl schon zu sagen haben,
was die "christliche Freiheit" ist.
· Andere nehmen das Wort "Freiheit" doch
auch in Anspruch: - "Freiheit zieht an" - das ist in diesen
Wochen der Wahlspruch einer Partei. Gemeint ist eine Abkehr von der
Regelungsflut in vielen gesellschaftlichen und staatlichen Lebensbereichen.
· In fast jeder Illustrierten gib es ganzseitige Hochglanzwerbung
für Autos. Meist wird mit einem Auto in einsamer wildromantischer
Landschaft geworben. Slogan: Der Traum von grenzenloser Freiheit. Gemeint
ist die Sehnsucht nach Freiheit von ständigen Verpflichtungen.
Das verstehen wir gut.
· Das Wort "Freiheit" steht in der Spaßgesellschaft
dafür, dass man sich nur an sich selber und den eigenen Bedürfnissen
orientiert. Freiheit gilt deshalb weithin als ein Wert an sich.
Ist das denn auch christliche Freiheit?
Wir wissen alle, frei zu sein ist ein unglaublich schönes
Gefühl, --- und zugleich kann man Freiheit schrecklich missbrauchen.
Wie viele leiden unter der Freiheit, die sich andere im
eigenen Umfeld ohne Rücksicht auf den Schwächeren nehmen!
Dennoch bleibt die Freiheit eine zentrale Grundlage des Glaubens.
Paulus schreibt: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit!"
Paulus erklärt es im Galaterbrief so:
Gott selber steht für unsere Freiheit ein.
Der christliche Glaube lebt davon, dass Jesus Christus für unsere
Freiheit gestorben und um unserer Freiheit willen auferweckt worden
ist. In der Person Jesu Christi - in ihr ist die Freiheit da.
Und weil der christliche Glaube von dieser unerschütterlichen Gewissheit
lebt, ist das Christentum in der Tat die Religion der Freiheit.
Schon der Reformator Melanchthon hatte es lapidar erklärt: "Freiheit
- das ist das Christentum." Das ist bis heute so, aber nur, wenn
wir verstehen, warum, und nur dann, wenn Freiheit nicht bedeutet: alles
ist gleich-gültig oder gleichgültig.
Diese Haltung stellt sich im Pluralismus sehr leicht ein, in einer bunten
Gesellschaft, in der man alles denken und sagen kann. Dann braucht
man sich ja nicht festzulegen und wählt immer das, was einem gerade
in den Sinn kommt oder was gerade in den Medien nach vorne gespült
wird. Ist das wirklich Freiheit oder nicht eher eine Form von
Unfreiheit?
Wir müssen schon genauer sagen, was das für eine Freiheit
ist.
Ich glaube:
Freiheit ist zunächst einmal eine Eigenschaft Gottes.
Der, der wirklich frei ist, ist Gott selber. Er ist deshalb frei,
weil er von nichts abhängig ist. Er ist der Anfang,
und er ist völlig frei in seiner schöpferischen Kreativität.
Und wir, wie viel von dieser Freiheit haben wir?
Der freie Gott will freie Menschen, damit sie ihm in Freiheit,
also ohne jeden Zwang, begegnen können. Diese Freiheit ermöglicht
er ihnen mit dem aufrechten Gang und der Freiheit zu denken und der
Freiheit, Ja und Nein zu sagen.
Mit dieser Freiheit aber können wir Menschen offenbar nicht gut
umgehen:
Jedenfalls gegenüber dem Schöpfer nicht, denn Menschen
wollen immer wieder so frei sein, dass sie ohne ihn leben und dann so
tun, als seien sie selber das höchste Wesen. Die Bibel benennt
das mit dem harten Wort "Sünde", sie beschreibt es mit
der Geschichte von Adam und Eva und dem Apfel. Wenn sie Gott den Rücken
kehren, können sie ihm auch nicht mehr frei begegnen. Eine freie
Begegnung setzt Offenheit und Zugewandtheit voraus.
Und gegenüber dem Mitmenschen können wir Menschen
oft mit unserer Freiheit auch nicht gut umgehen.
Wie oft leben Menschen so, dass sie sich vor allem für ihre
eigene Freiheit interessieren, aber dabei auf der Freiheit des Nächsten
herum steigen, als hätte der kein Geschenk der Freiheit
bekommen.
Leidensgeschichten zwischen Menschen haben oft darin ihre Ursache,
dass ein Teil von ihnen die Freiheit und das Wohl der anderen nicht
achtet. Freiheit des Starken kann oft maßlos werden und Verhältnisse
zerstören. Dadurch nehmen die Beziehungen, in denen wir leben,
Schaden.
Der Journalist Peter Hahne hat ein Buch geschrieben, in der er
die Ichbezogene Spaßkultur beschreibt - mit dem Titel "Das
Ende der Spaßgesellschaft". Der hektische Wechsel von Themen
und Kommunikationspartnern lässt keinen Raum mehr für Besinnung,
für aufmerksames Bleiben in Beziehungen, vieles verliert sich in
Flüchtigkeit.
Die Maßlosigkeit von Menschen besteht darin, dass sie ihnen
gesetzte Grenzen nicht anerkennen wollen und dadurch letztlich ärmer
werden.
Die von Gott geschenkte Freiheit allerdings achtet, dass sie "geschenkt"
ist, dass also ein anderer für sie einsteht. Das ist eine andere
Freiheit als die, die sagt: "Die Freiheit nehm ich mir" oder
die sagt: "Ich bin niemandem verantwortlich. Ich tue, was mir Spaß
macht."
Ich bin überzeugt: Wenn ich Gott und den Nächsten achte,
gehe ich behutsamer mit mir, mit seiner und mit meiner Freiheit um.
Wer Gott dagegen nicht achtet, kann leicht dazu kommen, im Dasein nur
nach dem Nutzen zu fragen. Auch Menschen werden dann auf ihren
Nutzen hin angesehen.
Paulus schreibt: "So steht nun fest und lasst euch nicht wieder
das Joch der Knechtschaft auflegen!"
Inmitten der Freiheit, mit der Menschen leben wollen, entsteht nun auf
einmal eine neue Knechtschaft, eine neue Unfreiheit. Sie besteht
darin, dass der Mensch auf sich zurückgeworfen wird. Dann dreht
er sich um sich und um seine Erfahrungen. Er macht sich selbst
zum Maßstab.
Mir geht es so, dass ich manche Menschen um ihrer inneren Freiheit
willen bewundere. Meist sind das Menschen, die sich an einer
Stelle fest gebunden haben:
Z.B. ein Musiker, der sich mit Leidenschaft an sein Instrument
gebunden und Freude am gelungenen Spiel für andere hat,
oder ein Familienmensch, der sich dazu entschieden hat, die eigene
Kraft und alle Liebe an dieser Stelle einsetzen zu wollen.
Also: Freiheit ist da, wo ich mich an der richtigen Stelle gebunden
habe.
Paulus schreibt: "Ihr, liebe Brüder, seid zur Freiheit
berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch
Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem anderen."
"Nicht dem Fleisch Raum geben", heißt eben: "sich
nicht um sich selber drehen."
Freiheit ist dann bedroht, wenn ich leben will wie auf einer Insel.
Christliche Freiheit dagegen drängt zur Gemeinschaft, zur Beziehung.
Wer wirklich frei ist, ist auch frei zur echten Begegnung, zur
Liebe und zur Gemeinschaft mit dem Gegenüber.
Wie kann ich zu solcher Freiheit finden?
- Pause -
Indem ich neu anfange. -
Mit Gott neu anfange.
Wenn ich mich zu Gott auf den Weg mache - eher suchend oder eher hingebungsvoll
- dann werde ich seine Nähe er-leben.
Als freie Menschen stehen wir dann nicht nur Gott gegenüber.
Liebend fangen wir mit der Welt und in ihr mit unserem Mitmenschen etwas
an. Als freie Menschen erfreuen wir uns an ihrer Würde und machen
sie nicht unfrei.
Und was fängt der freie Mensch mit sich selber an?
Das mag jeder für sich selber prüfen. Aber er wird viel zu
sehen bekommen, weil er nicht ständig in den Spiegel schauen muss.
So lebt nun - sagt Martin Luther - ein Christenmensch
nicht in
ihm selbst. Er gerät vielmehr außer sich.
Ich glaube, immer dann, wenn wir glauben und wenn wir wirklich lieben,
sind wir frei. Amen.
Bernhard Seiger
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