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Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16, 7) Ev. Philippusgemeinde Köln Raderthal Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16, 7)

Predigt zu Matthäus 27, 33-53 Karfreitag 13. April 2001

Liebe Gemeinde,
Gerade haben wir den Bericht des Matthäus über das Sterben Jesu am Kreuz gehört.
Matthäus nennt drei kosmische Erschütterungen, von denen die Gegend um Jerusalem erfasst wird in dem Moment, als Jesus stirbt:
Der Himmel reisst auf - nach den drei Stunden Finsternis von der sechsten bis zur neunten Stunde. Die Erde erbebt. Und im Tempel zerreißt der Vorhang, der das Allerheiligste verhüllt.
Alle drei Ereignisse sagen zutiefst etwas darüber, was eigentlich geschehen ist, als Jesus starb:
1. Ich beginne mit dem eigenartigen Geschehen am Himmel. Es ist schon seltsam:
Bisher dachte ich immer, im Moment des Todes Jesu - da wäre es dunkel geworden, da hätte es eine Sonnenfinsternis gegeben - als Ausdruck der Todesfinsternis.
Aber nein - die Dunkelheit setzt drei Stunden vorher ein, und im Moment des Sterbens Jesu wird es wieder hell.
Warum? Warum reißt der Himmel auf, als Jesus stirbt?
Eins ist klar: Es ist nicht das Licht des Ostermorgens, das hier aufstrahlt. Was dann?
Gerade der ganz reale Tod wird hier betont.
Als der Auferstandene drei Tage später den beiden mutlosen Jüngern auf dem Weg nach Emmaus begegnet, da fasst Lukas die tröstenden Worte des Unbekannten so zusammen:

"Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?"

Was nicht der Weg durch die Todesnacht der einzig mögliche Weg, um das Licht der Hoffnung erleuchten zu lassen? Und zwar in den ganz realen Tod - gegen alle Scheintod oder Betäubungstheorien, mit denen immer wieder versucht wurde, die Erscheinungen des Auferstandenen zu erklären. Karfreitag ist der Tag, an dem Gott selber starb.
Mit diesem Verbrechertod auf Golgatha ist gewissermaßen die Gottesferne der Menschheit auf die Spitze getrieben. Der Schöpfer selbst stirbt an und in seiner Schöpfung.
Das ist der Gipfel der Gottesferne. Der Sieg des Bösen - und zugleich sein Ende!
Die Dunkelheit des Todeskampfes des Sohnes Gottes ist die Dunkelheit des Chaos vor Beginn der Schöpfung.
Der Himmel zeigt mit der Verfinsterung und dem neuen Aufleuchten des Lichtes die Wende der Zeiten an: Jetzt, wo es nicht mehr schlimmer werden kann, beginnt etwas Neues.
Jesu Tod ist unsere Chance auf Leben. Das drückt der Himmel aus, indem er in diesem Moment wieder aufreißt. Johannes lässt Jesus sagen: "Es ist vollbracht!" Mit seinem Sterben ist der Sieg vollbracht! Das ist ein Geheimnis des Glaubens. Das ist wahr. Um dieses Geheimnis kreist unsere Mahlfeier - sein Fleisch und Blut - hingegeben für uns.
Das Zweite: Die Erde bebt und Grabhöhlen, die es schon damals auf allen umliegenden Hügeln rund um Jerusalem gab öffnen sich. Ja, Gestorbene steigen heraus und erscheinen Leuten. Nur Matthäus berichtet davon - und es hat ja schon etwas Gespenstisches.
So was passt eher in einen Horrorfilm als in die Passionsgeschichte. Wir könnten jetzt streiten, ob es sich wirklich so zugetragen hat oder ob dies eine Legende ist - Wie auch immer, so werden wir dem biblischen Bericht nicht gerecht und seinen tiefen Sinn nicht verstehen. Ich deute dieses Sich öffnen der Gräber als ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, was das Sterbens Jesu für uns bedeutet:
Wenn die Gräber sich auftun, dann steht das dafür, dass im Leben Dinge wieder zutage treten, die wir eigentlich lange hinter uns gelassen haben:
Das können Beziehungen zu Menschen sein, ob sie nun gut waren oder eher belastet - wir hatten sie längst begraben und vergessen - und plötzlich ist es so, als sei es eben erst gewesen - die Vergangenheit lässt uns nicht los.
Es kann eine tiefe Traurigkeit sein, die wir nur selten zulassen - der unbearbeitete Schmerz über den frühen Tod eines geliebten Menschen oder der Verlust von etwas.
In jedem von uns steckt das kleine, vielleicht verängstigte oder verletzten Kind. Wir hatten es zugedeckt, aber es ist doch da und meldet sich hin und wieder - ausgelöst durch eine Begegnung, ein Gespräch. Vielleicht auch durch einen bestimmten Geruch oder durch ein altes Fotoalbum.
Hat der Tod Jesu am Kreuz die Macht, auch unsere Gräber zu öffnen -die Gräber, in die wir unsere unbearbeitete Vergangenheit weggepackt haben? Das ist die Frage, die das Erdbeben an uns heute morgen stellt.
Hier stirbt nicht irgendeiner - am Kreuz auf dem Hügel Golgatha vor dem Tor von Jerusalem, da stirbt Gott selber - der Eine, der immer wieder in Begegnungen mit Menschen gezeigt hat: Ich sehe nicht nur deine Gegenwart! Ich sehe auch deine Vergangenheit an. Ich weiß, was du erlitten hast über lange Jahre. Ich habe gesehen, wo die Wurzel deines falschen Verhaltens heute in deiner Geschichte steckt.
Gott kennt unsere Vergangenheit - was wir längst vergessen haben - bei ihm ist es da.
Jesus selbst hat seinen Tod vorher angekündigt und hat dabei immer wieder davon gesprochen, das dies ein Lösegeld für viele sein wird - Lösegeld, das muss gezahlt werden, wenn einer gefangen ist und befreit werden soll. Wir alle sind Gefangene unserer Geschichte. Wir haben Muster gelernt und verinnerlicht, die nicht unsere sind, sondern die unserer Väter und Mütter. Ob sie gut für uns sind oder nicht. Ebenso wie es Spuren des Segens in der Abfolge der Generationen gibt, so gibt s auch das Gegenteil: Schuldverstrickung, unreflektiertes falsches und lebensfeindliches Verhalten, für das wir ganz persönlich verantwortlich sind und das wir doch auch übernommen haben. "Ich bin nun mal so" "Das habe ich nicht anders gelernt" - das sind keine Entschuldigungen, die vor Gott Bestand hätten. Wer dem Sterben Jesu am Kreuz begegnet, bei dem tun sich Gräber auf - da kommt die Vergangenheit hoch, weil sie bereinigt werden muss. Und sie kann bereinigt werden in der Begegnung mit Christus. Wie sich damals die Gräber auftaten, und den Menschen Gestalten begegneten, die sie eigentlich längst abgelegt hatten, ist es bis heute, wenn wir in die Nähe Jesu kommen. Er wird in diesem Moment zum Lösegeld für unsere Schuld.
Wir feiern das Mahl miteinander - es ist die Einladung, in den Gräbern unserer Vergangenheit aufräumen zu lassen. Erst wenn das Erdbeben von Karfreitag uns mit erfasst hat, kann bei uns ein neues Leben beginnen.
Und nun noch das Dritte: Der Vorhang im Tempel zerreißt. Nicht, das wir uns da einen wehenden dünnen Stoff vorstellen - dieser Vorhang im Tempel, das war ein sehr kostbarer, aufwendig bestickter Stoff. Eher ein Wandteppich als ein Vorhang. Er hing in der innersten Zelle des Tempels und verbarg das Allerheiligste - den kleinen Raum, in dem in alten Zeiten die Bundeslade aufbewahrt wurde. Nur der Hohepriester durfte an einem Tag im Jahr hinter diesen Vorhang treten. Und bis heute vermeiden fromme Juden es, auf den Tempelberg zu gehen, um nicht versehentlich diesen heiligen Platz zu betreten - von dem heute niemand genau weiß, wo er gewesen ist.
Diese Abtrennung reißt auf - warum? Gott selber reißt die Tür auf, um allen zu zeigen:
Er lässt sich finden. Er sucht die Begegnung mit Menschen.
Auf unserem Gemeindebrief haben wir den Vorhang abgebildet - und haben Sie es schon entdeckt? Hinter diesem Vorhang erscheint - ein Engel!
Verborgen und leicht zu übersehen, aber doch da.
So zeigt sich Gott - verschlüsselt und manchmal rätselhaft - wie in dem grausamen Sterben seines Sohnes - und doch zu erkennen für das Auge des Glaubens.
Nicht beweisbar, und doch erfahrbar.
Wir feiern das Mahl miteinander. Sehen wir Gott darin? Der Vorhang ist offen - Gott will die Nähe zu uns. Wir sind eingeladen.

 

Amen!


Björn Heymer